Wildsau mit Krawatte

Damit, lieber Leser, meine ich keinen wilden Schweine-Eber, der im Wald brav sein Happa Happa sucht und mampft. Nein, definitiv nicht. Denn das Verhalten solcher wildlebenden Tiere ist naturbedingt. Das ist bei denen praggdisch geneddisch. Eine Wildsau ist von Natur aus eine Wildsau. Wenn diese rülpst und einen fahren läßt während sie Happahappa macht,
sagt kein Mensch „So eine Wildsau…“ Nein, macht kein Mensch. Weil, da weiss man es ja. Man hat ja so ein Vieh ja vor sich. Das ist halt Natur pur. Außerdem, wie würde das aussehen, wenn eine Wildsau beim wälzen im Waldschlamm dabei eine Krawatte anhätte ? Das ist Unsinn.

Auch ein braver Hausmann, der sich 1-2 Wochen nicht rasiert und morgens mit einem mürrischen Blick vor dem Spiegel steht, ist nicht das was wir suchen. In der ausgeleierten Jogginghose in der man schläft, Fußball spielt oder sonstigen Tätigkeiten nachgeht, zusammen mit dem mürrischen Blick und dem unrasiertem äußerem Erscheinen, hat er zwar rein äußerlich eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Wildsau, aber auch er ist es definitiv nicht. Bartstoppeln und ein finsterer Blick sind zwar erste Hinweise auf Wildwuchs, aber sie reichen nicht aus.

Was ist nun eine Wildsau mit Krawatte ?
Lass es mich dir lieber Leser, anhand von einem Erlebnis von mir bildlich erklären.

Vor ca. 20 Jahren war ich in unserem Nachbarland Österreich unterwegs, genauer – in Wels. Wobei ich jetzt nicht behaupten möchte dass unsere Nachbarn alles Wilde sind. Die gibts hierzulande auch mehr als genug.

Wir waren als Gruppe unterwegs und entschieden uns spätnachmittags/frühabends in ein stadtbekanntes China-Restaurant zu gehen. Abgesehen von der österreichischen Unsitte aus jeder Speise – auch z.B. aus einer Lasagne – einen übersüßten Kuchen zu machen, war es sehr angenehm.

Da China-Restaurants insgesamt sehr gepflegt sind, kommen auch entsprechend gepflegte Menschen hinein. Auch Geschäftsleute, hohe Vorgesetzte etc. Als wir mittendrin im Mahl einnehmen waren, kamen 2 Paare hinein, sehr gepflegt, ca. 35-40 Jahre (jeder von denen). Die Damen natürlich in schönen Abendkleidern, die Herren im 3-Tages-Bart-Look mit spezial-lässigen und erhabenen Blick, eine Mischung aus „ich komme gerade aus Vietnam“ und „habe gerade das Universum erschaffen“…  Der neutrale Beobachter (ich) würde hier sagen, ein etwas aufgeblähtes Auftreten. (Es handelte sich also um ganz normale Angeber).

Bis der Kellner kam und dann später auch das Essen, führten diese natürlich wie jeder Andere von uns Gespräche. Da es unsere Tischnachbarn waren, Rücken an Rücken mit uns, konnten auch wir so ziemlich alles mitkriegen. So erfuhren wir dass beide Männer ganz wichtige Ingenieure in einem ganz wichtigen Betrieb waren.  (aber das sind Männer ja grundsätzlich).

Für uns, war dieses Gespräch unserer Nachbarn in mehrerer Hinsicht nützlich:

1. Wir mussten nicht selbst labern, wir konnten uns unserem eigentlichem Grund des Besuches im Restaurant widmen – dem Essen.

2. Wir konnten uns trotzdem amüsieren, weil unsere Tischnachbarn, besonders die Männer davon, soviel neue Weisheiten in die Welt brachten, so dass sich unsere Blicke im Sekundentakt veränderten – vom höchst erstaunt (z.B. dass die Erde rund ist..) bis heimlich schmunzeld (weil die Damen jeden Sch… geglaubt haben).

Nun hat jeder das Recht für sich selbst ein Einstein oder ein ganz normaler Depp zu sein. Die gesetzlich geregelten Menschenrechte in der Verfassung jedes Staates erlauben uns dies ausdrücklich. Bevor ich nun zum Kernpunkt komme, möchte ich als Einleitung erwähnen, dass diese zwei echten Kerle (wohl die einzigen zwei echten Kerle unter den rund 6,5 Milliarden Menschen) eine Verkörperung aller Weisen und klugen Menschen die jemals lebten waren. Einstein, Kant, Pythagoras, Seneca, Plato, Newton, Goethe, Beethoven, Napoleon alles in zwei Personen.

An solche Wiedergeburten der personifizierten Weisheit stellt man dementsprechend hohe Anforderungen bezüglich der Erhabenheit, dem Edelmut, der Souveränität. Kurzum, solche Menschen verdienen es, dass man vor ihnen einen „Bückling“ macht. Schön brav, demütig und zurückhaltend. Wäre im Prinzip alles in Ordnung, wenn da die Wirklichkeit nicht wäre, wenn die Realität solchen Menschen nicht ständig einen Strich durch die Rechnung machen würde. So auch diesmal.

Plötzlich, mittendrin, wurde das Restaurant von einem lauten Rülps-, Furz- und Rotz-Konzert überrascht. Die feinen Damen liefen rot an, denn verständlicherweise drehten sich alle im Restaurant zur Rotzgruppe. Die musikalischen Darbietungen hielten noch eine Weile an, bis einer im Raum (ich) laut rief, ob die Kellner aus Versehen ein paar Wildsäue reingelassen haben, ob sie sich durch zwei Krawatten täuschen haben lassen. Die betroffenen Eber riefen dann natürlich lässig in den Raum, dass diese Dinge eine ganz natürliche Angelegenheit sind, nur dass einfache ungebildete Menschen das nicht begreifen wollen.

Dann rief wieder einer in den Raum (ich), dass Wildsäue gerne auch mal einen Haufen hinmachen und sich darin den ganzen lieben Tag lang gerne herumwälzen. Und falls sie das gleiche Bedürfnis verspüren, könnten sie ja gerne zu zweit auf den Tisch klettern, und ihre Artgenossen nachahmen. Allerdings wurde ich in meiner sachlichen Argumentation auf rauhe Art und Weise unterbrochen, als eine Begleiterin mir brutal eine in die Rippen haute, so dass ich mindestens eine halbe Sekunde lang keine Luft mehr bekam, und so die Wildsau-Erörterung ein jähes Ende nahm.

Am Nachbartisch muss sich etwas ähnliches ereignet haben, denn plötzlich kamen keine Zwischenrufe. Aber auch keine musikalischen Darbietungen mehr.

Leider waren wir dann fertig und verließen das Lokal, und außer kurzen Blicken: „Diplom-Wildsau“ und „Ahnungsloser“ war aus dieser Diskussion nicht mehr herauszuholen. Schade eigentlich, denn ich verspürte plötzlich einen inneren Drang, unsere Heimat mit ihren darin lebenden wilden Tieren weiter zu erforschen.

Ich mußte mich fortan leider anderen Dingen widmen wie z.B. dem Arbeiten. Aber immerhin wurde ein neuer Fachbegriff für die Tierwelt geboren: „Wildsau mit Krawatte….“

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